KI und die Medien

KI-Systeme schreiben eigenständig Beiträge.

von Dr. Norbert Lossau

KI-Technologien führen zu einem vielschichtigen Wandel der Medienindustrie. Sie ermöglichen eine immer stärkere Personalisierung. Semantische KI-Systeme werden auch inhaltliche Arbeiten übernehmen. Mit wachsender Leistungsfähigkeit werden Maschinen Beiträge teilweise oder komplett produzieren können. Entscheidungen, die heute noch erfahrene Mitarbeiter treffen, lassen sich an lernfähige Maschinen delegieren.

Es werden weniger Angestellte benötigt – von der Textkorrektur über die Redaktion bis hin zu Führungsaufgaben. Die Hierarchien dürften flacher werden. Medieninhalte werden künftig immer häufiger gesprochen als geschrieben. Das gilt auch für den Rückkanal zum Kunden.

Audio-Technologien ermöglichen neue Formen der Mediennutzung. Zu erwarten sind Kooperationen von Medien und Telekom- oder Tech-Unternehmen. Der Zugang zu einer großen Zahl potenzieller Nutzer ermöglicht neue journalistische Formate und Service-Angebote. Die in den Archiven der Medienhäuser schlummernden Daten werden sich dank KI kapitalisieren lassen. Die Qualität journalistischer Produkte lässt sich durch Rückkopplung zum Leser verbessern. Rechtschreib- oder Stilfehler werden durch den Einsatz von KI verschwinden.

Die neuen Technologien eröffnen den Medien viele Chancen. Es gibt aber auch Risiken, die man rechtzeitig bedenken sollte.

Die KI-gesteuerten Mechanismen der Individualisierung fördern das Phänomen der Filterblase. Wenn jeder nur noch nach eigenen Interessen personalisierte Medienprodukte erhält und es in der Gesellschaft kein gemeinsames Basiswissen mehr gibt, könnte dies für den politischen Diskurs und die Zukunft der Demokratie weitreichende Folgen haben.

An dieser Stelle ist ein Dia­log von Gesellschaft, Medien und Politik wünschenswert, um möglichen Fehlentwicklungen proaktiv entgegenzusteuern. Eine von einigen Medien bereits verfolgte Strategie ist das Club-Konzept. Nutzer des betreffenden Mediums sollen sich in der realen Welt begegnen, um miteinander, den Journalisten und auch mit Politikern, Wissenschaftlern oder Wirtschaftsführern von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Das Analoge könnte das Digitale erden. Um im Wettbewerb erfolgreich zu sein, werden Medien künftig viel stärker persönliche Daten ihrer Kunden nutzen. Je mehr man über seinen Leser, Zuhörer oder Zuschauer weiß, umso besser kann man journalistische Produkte und die sie finanzierende Werbung maßschneidern.

Medienkunden sollen nicht nur den verbreiteten Inhalten trauen können, sondern müssen sich auch darauf verlassen dürfen, dass ihre Daten nicht missbraucht werden.

Damit stellt sich auch die Frage nach dem Datenschutz. Medienkunden sollen nicht nur den verbreiteten Inhalten trauen können, sondern müssen sich auch darauf verlassen dürfen, dass ihre Daten nicht missbraucht werden. Der Datenskandal von Facebook und der inzwischen insolventen britischen Firma Cambridge Analytica hat gezeigt, wie schnell sich der Wind in puncto Vertrauen drehen kann. Medienunternehmen könnten in Zukunft ähnlich schnell am Datenschutz-Pranger stehen wie Betreiber sozialer Netzwerke.

Das seit Mai 2018 gültige, neue europäische Datenschutzrecht schafft Randbedingungen, die allen Unternehmen das Sammeln personenbezogener Daten erschweren. Insbesondere der Austausch solcher Informationen zwischen verschiedenen Unternehmen wird stärker reglementiert. Wer selbst über viele Daten verfügt und weniger auf Daten Dritter angewiesen ist, kann von der neuen Rechtslage in gewisser Weise profitieren.

Kernaussagen

Künstliche Intelligenz (KI) wird die Medien in vielfältiger Weise transformieren. Insbesondere wird sie den Schwerpunkt vom geschriebenen hin zum gesprochenen Wort verschieben. Digitale Assistenten könnten journalistische Inhalte vermitteln.

KI wird Sprachbarrieren abbauen und damit die Globalisierung des Journalismus befördern.

Mit KI lassen sich Medienangebote hochspezifisch individualisieren. Dazu wird eine „kritische Masse“ an Daten benötigt. Extreme Personalisierung medialer Produkte kann Filterblasen-Effekte verstärken.

KI ermöglicht neue Geschäftsmodelle: insbesondere Kooperationen zwischen Medienhäusern und Technologiefirmen. Auch Archivdaten lassen sich monetarisieren.

KI automatisiert nicht nur Arbeitsabläufe, sondern auch Entscheidungsprozesse. Damit sinkt der Bedarf an Mit-arbeitern. Künftige Geschäftsmodelle der Medien hängen sensibel von datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen ab.

Im KI-getriebenen Journalismus wird die kritische Masse wichtiger. Gibt es nicht genügend Daten, erzielen die KI-Algorithmen nur schlechte Ergebnisse. Insgesamt fördert die technologische Entwicklung das Entstehen großer Einheiten. Daraus werden sich medienpolitische Fragen ergeben.

Der KI-bedingte Wegfall von Sprachgrenzen ist ein Effekt, der zu supranationalen und damit deutlich größeren Nutzergruppen führen könnte. Offen ist die Frage, wie sich dies auf den Wettbewerb der verschiedenen Medien auswirkt.

Zum Schluss ein Gedanke, der heute noch Science-Fiction ist, aber Wirklichkeit werden könnte. KI-Systeme, die qualitativ hochwertigen Journalismus präsentieren sollen, werden selbst journalistische Lektüre benötigen, um sich auf dem Laufenden zu halten und stets dazu zu lernen. Es klingt zwar merkwürdig, doch in absehbarer Zeit gibt es wahrscheinlich Medienprodukte von Maschinen für Maschinen. Doch vielleicht wollen die Maschinen ab und zu auch mal einen richtig guten Artikel lesen – den ein Mensch geschrieben hat. //

Über den Autor

Dr. Norbert Lossau ist Physiker, Journalist und Mitglied im Beirat der Wissenschaftspressekonferenz (WPK)

Quelle: Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.; Analysen und Argumente Nr. 318; September 2018; https://www.kas.de/documents/252038/3346186/Wie+k%C3%BCnstliche+Intelligenz+die+Medien+ver%C3%A4ndert.pdf/442f9873-a792-8e4d-cff3-3f2c5e59c9bb?version=1.0&t=1543223168579;
CC BY-SA 4.0 DE, abgerufen am 02.11.2019

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